Fachlicher Hintergrund
Der ökologische Landbau in Kürze
Auf unserer Erde stellen die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Flächen und ihre zunehmende Intensität ein Risiko für unsere Umwelt dar – durch die Verkleinerung natürlicher Lebensräume und den Rückgang der Biodiversität (Vielfalt der Lebewesen) (Van Der Sluijs 2015.), durch Wasserverschmutzung und durch steigende Treibhausgasemissionen. Um diese Auswirkungen abzumildern, stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, etwa die Verringerung der Inanspruchnahme neuer Flächen oder die Bevorzugung nachhaltiger Wirtschaftsformen (Richard D. Bardgett 2017.).
Im ökologischen oder, wie man heute gerne sagt, im Bio-Landbau werden keine „chemischen“ Behandlungen eingesetzt. Grundlage des ökologischen Pflanzenbaus ist die geeignete Vorbereitung des Bodens (bzw. des Bodenlebens), die Erfassung der biologischen Parameter des Bodens bzw. der Anbaufläche und schließlich die Auswahl der den Bodenverhältnissen entsprechenden Pflanzenarten und Sorten. Die erste Verteidigungslinie gegen Angriffe von Krankheitserregern besteht darin, nach Möglichkeit resistente Sorten zu verwenden.
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Viele verzichten daher vollständig auf chemische Behandlungen; zum Schutz der Pflanzen führen sie geeignete agrotechnische Maßnahmen durch, und infolge des (unter geeigneten Bedingungen) eingestellten ökologischen Gleichgewichts zwischen Schädlingen, Krankheitserregern und „Nützlingen“ auf der Anbaufläche entsteht kein nennenswerter Schaden. Andere setzen in gewissem Umfang chemische Behandlungen ein; in Ungarn (wie auch in anderen Ländern) gibt es eine Liste der Präparate, die auch im ökologischen Landbau verwendet werden dürfen. Diese Liste wird regelmäßig aktualisiert; über die Aufnahme von Präparaten entscheidet (zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Veröffentlichung) der vierteljährlich tagende Öko-Arbeitsausschuss der NÉBIH. Die einschlägigen Vorschriften finden Sie auf den Websites der NÉBIH bzw. der in Ungarn tätigen Zertifizierungsstellen (Hungária Ökogarancia bzw. Biokontroll).
Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft wird seit Anfang der 2000er-Jahre immer beliebter; der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass die Verbraucher der „chemischen“ Erzeugung zunehmend skeptisch gegenüberstehen. Im weiteren Sinne haben im ökologischen Landbau synthetische Mineraldünger, Pestizide, transgene Arten, Antibiotika, wachstumsfördernde Hormonpräparate oder sonstige Chemikalien keinen Platz (Francis 2005.). Die Vorschriften der einzelnen Länder können voneinander abweichen; in Ungarn sind die Auflagen meist strenger als in den Nachbarländern. Die Einhaltung der Vorschriften wird von Zertifizierungsstellen kontrolliert.
Im Wesentlichen beruht der ökologische Landbau also auf den Lehren der alten Schule (als es noch keine Hilfsmittel aus fossilen Rohstoffen und keine synthetischen Chemikalien gab und der Anbau vollständig „bio“ erfolgte), bei der der Schwerpunkt auf dem Anbau auf geeignetem Boden und der Schaffung geeigneter Lebensräume für die Lebewesen lag; die Wurzeln dieser Methoden finden wir im alten Asien. Die Methoden wurden überwiegend eher auf Erfahrungsbasis als auf Grundlage von Forschungsergebnissen entwickelt. Die wichtigsten Fortschritte gab es inzwischen bei den Möglichkeiten der Bodenverbesserung und bei der Feinabstimmung der Abwehr von Schädlingen und Krankheitserregern; zudem entstanden Zertifizierungsstellen für die ausschließliche Anwendung dieser Methoden, die auf der Verpackung der Produkte die „Bio-Konformität“ des jeweiligen Produkts ausweisen (Francis 2005.). Heute finden sich die Länder, die sich am stärksten der ökologischen Erzeugung und zugleich einer klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft verschrieben haben, vor allem in den nördlichen Regionen bzw. in der Europäischen Union.
Aus wirtschaftlicher Sicht wird häufig angeführt, dass bei ökologischer Bewirtschaftung einer gegebenen Fläche der Ertrag niedriger ist als bei „intensiver“ Bewirtschaftung und dass dies nur durch den Premiumpreis des Produkts ausgeglichen wird. In vielen Fällen wurde jedoch nachgewiesen, dass im ökologischen Landbau ähnliche (oder höhere) Erträge erzielt werden können (Francis 2005.). Ein weiteres wesentliches Bewertungskriterium kann der Vergleich der Ausgaben für den Pflanzenschutz während des Vegetationszyklus sein. Der ökologische Pflanzenbau darf also nicht außer Acht gelassen werden. Die Nachfrage nach „Bio-Produkten“ wächst stetig; in den westlichen Ländern achten immer mehr Menschen darauf, chemiefreie, unverarbeitete Lebensmittel zu kaufen. Dieser Trend zeichnet sich auch in Ungarn allmählich ab.
Heute ist in Ungarn (laut der jeweils aktuellen Liste) die überwiegende Mehrheit der im ökologischen Landbau verwendbaren Präparate kupfer- oder schwefelhaltig. Diese haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt; während früher z. B. Kupfer während der Blüte wegen seiner toxischen („verbrennenden“) Wirkung nicht eingesetzt werden durfte, gewährleisten heute mehrere Hersteller durch die Entwicklung einer schrittweisen Wirkstofffreisetzung, dass das Präparat bzw. die Präparate sogar während der Blüte verwendet werden können. Dies ändert nichts daran, dass die pro Jahr ausbringbare Kupfermenge begrenzt ist, denn obwohl Kupfer ein sehr wirksames Element des Pflanzenschutzes ist, schädigt es auch die Umwelt und die Bodenmikroorganismen.
Unter den zugelassenen Mitteln finden sich Desinfektionsmittel (z. B. Kaliumhypochlorit), einige biologische Mittel (Bodenhilfsstoffe oder Präparate mit konkurrierenden Mikroorganismen, aber auch „Makroorganismen“ wie Raubmilben oder Schlupfwespen) sowie sehr wenige Pflanzenöle (wie Sonnenblumenöl, Orangenöl oder Neemöl); diese sind typischerweise Präparate für die Anwendung gegen Insekten. Darüber hinaus begegnen uns die von vielen verwendete Kaliseife, Pheromonfallen für Insekten und Kieselgur.
Van Der Sluijs, J.P. et al. „Conclusions of the worldwide integrated assessment on the risks of neonicotinoids and fipronil to biodiversity and ecosystem functioning.” Environmental Science and Pollution Research, 2015.: 148–154.
Richard D. Bardgett, David J. Gibson. „Plant ecological solutions to global food security.” Journal of Ecology, 2017.: 859–864.
Francis, C. A. „Organic Farming.” In: Encyclopedia of Soils in the Environment (ed. Daniel Hillel), 77–84. Elsevier Ltd., 2005.